Der Fürstensaal im Marburger Landgrafenschloss
Er gehört zu den größten und schönsten gotischen Sälen Deutschlands. Es handelt sich um einen langgestreckten Raum mit hohen gotischen Glasfenstern, Pfeilern und Steinfußboden.
Die Akustik des leeren Saales hat viel Hall, der aber durch das Zuziehen langer, samtener Vorhänge und durch viel Publikum verringert werden kann. Er darf maximal mit 330 Plätzen bestuhlt werden. Es gibt keine Bühne, aber einen alten Steinway-Flügel.
Geschichte:
Ende des 13, Jahrhunderts verwandelte Landgraf Heinrich der I., Enkel der heiligen Elisabeth und Sohn der Herzogin Sophie von Brabant, die vormals von Thüringen beherrschte Marburg in die prachtvolle Hauptresidenz Hessens. Das stolze Selbstbewusstsein des neuen Landesherrn, der 1292 in den Reichsfürstenstand aufgenommen worden war, spiegelt sich vor allem in dem großartigen Saalbau mit seinem für spektakuläre Empfänge und Festlichkeiten vorgesehenen Fürstensaal im Obergeschoss wider.
Die Architektur des Saalbaus ist aus der Tradition der Kaiserpfalzen entlehnt. Wie dort konnte man auch den Fürstensaal, der als einer der monumentalsten (33 m lang, 14 m, 8 m hoch) und stilvollsten Säle der Hochgotik in Deutschland gilt, ursprünglich über eine große Freitreppe vom Hof aus betreten. Vier achteckige Pfeiler teilen den Raum in zwei Schiffe mit je fünf quadratischen Gewölbefeldern, in deren Mitte reich geschmückte und etwas rätselhafte Schlusssteine prangen. Die Nische an der Nordseite, die außen als markanter Wandvorsprung erscheint, kann als bevorzugter Thronsitz angesehen werden. Doch bereits für das 15. Jahrhundert ist an dieser Stelle der Einbau einer Musikantenbühne belegt, was eine allmähliche Lockerung des Zeremoniells bezeugt. Rest von Wandmalereien - eine Jagdszene an der Südwand – überliefern ebenfalls ein eher geselliges Treiben.
Im 16. Jahrhundert wurde der Fürstensaal von den Teilnehmern des Marburger Religionsgesprächs durchschritten. Ende des gleichen Jahrhunderts wurde er mit den kunstvollen Holzportalen für die großen Auftritte der Hofgesellschaft ausgestattet. Nachdem die Hofhaltung nach Kassel verlegt worden war, bescherten der Dreißigjährige und der Sieben jährige Krieg dem Landgrafenschloss seinen allmählichen Niedergang; zu Beginn des 19. Jahrhunderts degradierte man es gar zum Gefängnis und den Fürstensaal kurzerhand zum Getreidespeicher. Würdigere Zeiten brachen erst wieder nach 1866 – nunmehr unter preußischer Regierung - an. Bis 1938 für das Hessische Staatsarchiv, dann mehr und mehr für Museumszwecke genutzt, hat das Landgrafenschloss als älteste und damit erste Residenz des Landes Hessen, seit 1976 unter der Verwaltung der Philipps-Universität Marburg, eine umfassende Sanierung erfahren.
Dr. Cornelia Dörr
